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Landschaft als Dokument. Explorative Untersuchungen alternativer Speichermedien der Gegenwart

Aktivität: Vortrag oder Präsentation an externen Einrichtungen/VeranstaltungenVortragBeigetragen

Datum

5 Mai 20227 Mai 2022

Beschreibung

Gegenwärtige Landschaften sind Zeugnisse des Klima- wandels. Insbesondere die Eisschmelze repräsentiert die Dynamik eisiger Landschaften – ausdehnen, einfrieren, schmelzen – und beeinflusst nicht nur natur-, sondern auch kulturwissenschaftliche Annahmen im Anthropo- zän. Die menschlichen Narrative vom „ewigen Eis“ sind gestört – der Klimawandel erreicht auch die Orte, die ver- meintlich ‚sicher‘ sind.
In der Fokussierung auf nordische Landschaften und deren Stellung im Klimawandeldiskurs möchten wir anhand von drei Beispielen aufzeigen, wie sich prekäre Landschaften als Dokumente materialisieren, wie sie Dokumente beherbergen, und die Zeit und Zeitlichkeit von Dokumenten hinterfragen. Der Global Seed Vault und die Future Library in Nor- wegen sind als Speichermedien von Dokumenten für zukünftige Generationen angelegt: Saatgut und Manu- skripte werden für die Zukunft gespeichert, dokumentiert und archiviert und geben so als Dokumente der heuti- gen Zeit einer zukünftigen Nutzer:innenschaft Auskunft über die jetzige Gegenwart. Dabei zwingen die Projekte uns aber in anderen Zeitkonzeptionen zu denken: Unsere gängigen Zeitkonzeptionen von Vergangenheit und Zu- kunft reichen nicht mehr, wenn eine Apokalypse mit nicht genau bestimmbaren Folgen einkalkuliert werden muss. Die Landschaft lässt sich als außerhalb des Kalküls menschlichen Handelns sehen und interveniert mit den auf (vermeintlich) stabile, sichere Achsen gerichteten Zeitkonzeptionen und Vorstellungen. Die Speichermedi- en selbst sind durch die für uns zurzeit unzugänglichen Inhalte Dokumente dieser Epoche, ihre Inhalte aber sind Dokumente für die kommende: Vault und Library werden zu story-tellers und story-keepers zur gleichen Zeit. Gleichzeitig ist die sich wandelnde Landschaft Doku- ment der Vergangenheit: In ihrem Essay In Quinhagak beschreibt Kathleen Jamie, wie die klimawandelbedingte
24 Erosion an der Küste Südwest-Alaskas (Beringsee) ein
jahrhundertealtes Dorf der Yup’ik-Bevölkerung zutage befördert. Archäolog:innen und die lokale Bevölkerung arbeiten an der Fundstätte (Nunalleq archaeological site) gegen den endgültigen Verlust des Dorfes. Jamie thematisiert, wie der Klimawandel in diesem speziellen Fall kulturelle Resilienz fördert. Durch die Ausgrabungen erhalten die Yup’ik nicht nur Artefakte ihrer Geschichte zurück, sie erlangen auch ihre Sprache und damit einen zentralen Aspekt ihrer Kultur wieder. In Quinhagak unter- wandert ein Narrativ der Archäologie, das Ausgrabungen hinsichtlich wechselnder imperialer Eroberung betrach- tet. Stattdessen vollzieht der Text Perspektivwechsel hin- sichtlich der Wiederentdeckung kulturellen Erbes ange- sichts ökologischer Krisen.
Der Klimawandel wird in der eisigen Landschaft somit zur Manifestation anthropozänen Denkens: Neben der häufig alarmierenden Betrachtungsweise der Zukunft als Katastrophe lässt sich die Klimakrise aber auch, so wol- len wir zeigen, als eine produktive Störung kultureller Be- trachtungs- und Dokumentationsweisen von Natur und Landschaft lesen.

Konferenz

TitelDokument Werden
UntertitelZeitlichkeit – Arbeit – Materialisieren
Veranstaltungsnummer
Dauer5 - 7 Mai 2022
Webseite
OrtBochum
StadtBochum
LandDeutschland

Schlagworte