Wenn frühe Nähe fehlt: Bindungsunsicherheit als Mediator zwischen emotionaler Vernachlässigung und körperlicher Gesundheit bei ehemaligen Wochenkrippenkindern

Publikation: Beitrag in FachzeitschriftForschungsartikelBeigetragenBegutachtung

Beitragende

Abstract

Hintergrund
Frühe emotionale Vernachlässigung kann die körperliche Gesundheit langfristig über psychobiologische Mechanismen beeinflussen. Bindungsunsicherheit könnte – neben weiteren Faktoren – einen vermittelnden Mechanismus darstellen. In den DDR-Wochenkrippen wurden Säuglinge und Kleinkinder unter der Woche durchgängig Tag und Nacht in einer heimähnlichen Umgebung betreut, was mit einem hohen Risiko für emotionale Deprivation einherging. Die Kohorte ehemaliger DDR-Wochenkrippen-Kinder bietet die Möglichkeit, Zusammenhänge zwischen früher emotionaler Deprivation, Bindungsunsicherheit und körperlicher Gesundheit im Erwachsenenalter zu untersuchen.

Fragestellung
Ist Wochenkrippenerfahrung mit körperlicher Krankheitslast assoziiert? Wird dieser Zusammenhang durch Bindungsunsicherheit vermittelt? Welche Zusammenhänge bestehen mit aktueller Depressivität, Angst und maladaptivem Gesundheitsverhalten?

Methodik
Mithilfe von Selbstbeurteilungsfragebogen wurden 294 ehemalige Wochenkrippenkinder (WKG) und 222 Kontrollpersonen (KG) hinsichtlich der Zahl der ärztlich diagnostizierten Erkrankungen (Krankheitslast), der Bindungsunsicherheit, aktueller Depressivität und Angst sowie des Gesundheitsverhaltens befragt.

Ergebnisse
Die Zugehörigkeit zu WKG war im Vergleich zu KG mit höherer selbstberichteter Krankheitslast, höherer Bindungsangst und -vermeidung sowie höherer Depressivität und Angst assoziiert. Der Zusammenhang zwischen Wochenkrippenbetreuung und Krankheitslast wurde durch unsicheres Bindungserleben, Depressivität und Angst vermittelt; differenzielle Effekte bestanden für Bindungsangst und -vermeidung. Zusammenhänge zwischen Wochenkrippenbetreuung und Gesundheitsverhalten wurden nicht gefunden.

Diskussion
Bindungsunsicherheit könnte eine Schlüsselrolle in der Vermittlung zwischen früher emotionaler Vernachlässigung und dem Risiko für körperliche Erkrankungen über die Lebensspanne einnehmen, sowohl direkt als auch indirekt mediiert über die psychische Belastung. Bindungserfahrungen und frühe außerfamiliäre Betreuung sollten verstärkt in medizinischen Anamnesen erfasst werden.

Details

OriginalspracheDeutsch
Seiten (von - bis)385-392
Seitenumfang8
FachzeitschriftPsychotherapie
Jahrgang70
Ausgabenummer6
PublikationsstatusVeröffentlicht - Nov. 2025
Peer-Review-StatusJa

Externe IDs

ORCID /0000-0002-1171-7133/work/203071712
ORCID /0000-0001-6790-8679/work/203072397
ORCID /0009-0007-9140-4068/work/203814113

Schlagworte

ASJC Scopus Sachgebiete

Schlagwörter

  • Anxiety, Depression, Health behavior, Morbidity, Psychosocial deprivation