Transaffirmative medizinische Maßnahmen bei Minderjährigen als Verstoß gegen § 1631c BGB? - Eine kritische strafrechtliche Bewertung
Publikation: Beitrag in Fachzeitschrift › Forschungsartikel › Beigetragen › Begutachtung
Beitragende
Abstract
Immer mehr Minderjährige berichten über geschlechtsdysphorische Probleme und Wünsche nach transaffirmativen medizinischen Maßnahmen; etwa Anfragen zu Pu-bertätsblockern, gegengeschlechtlichen Hormonen und geschlechtsangleichenden Operationen nehmen zu. Diese Maßnahmen sind in Bezug auf Nutzen, Risiken und rechtlicher Zulässigkeit stark umstritten. So könnte das zivilrechtliche Sterilisations-verbot für Minderjährige (§ 1631c BGB) transaffirmativen medizinischen Maßnahmen entgegenstehen, wenn diese die Fortpflanzungsfähigkeit einschränken. An medizini-sche Indikation, Nutzen-Risiko-Abwägung, Einwilligungsfähigkeit und rechtliche Zuläs-sigkeit sind daher hohe Anforderungen zu stellen – im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Kindeswohl. Die nachfolgenden Ausführungen verfolgen kei-nerlei transfeindliche Absicht. Im Gegenteil: Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeder Form der Diskriminierung und begegnen jedem Menschen, der sich nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert, mit Respekt und Empathie. Unser besonderes Augenmerk gilt den Sorgen und Herausforderungen Minderjähriger mit Geschlechtsdysphorie, also einem tief empfundenen Leidensdruck, dass ihr bei Geburt zugewiesenes Geschlecht nicht mit ihrer subjektiv empfundenen Geschlechts-identität übereinstimmt. Wir nehmen ihre Erfahrungen und Empfindungen sowie die Belastungen ihrer Familien in dieser oft sehr fordernden Lebenslage sehr ernst. Ziel ist es nicht, diese Erfahrungen und Empfindungen in irgendeiner Form in Frage zu stellen, sondern sachlich, differenziert und im Lichte der geltenden Rechtslage die komplexen medizinischen, ethischen und juristischen Fragen tiefgreifender Entschei-dungen zu erörtern – insbesondere dann, wenn es sich um Eingriffe mit teilweise irre-versiblen Folgen in einen körperlich gesunden Organismus von Minderjährigen han-delt. Der kritischen Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Thema verpflichtet, hoffen wir, einen konstruktiven Beitrag zu einer respektvollen und informierten Debatte zu leisten. Sie muss die Grundlage für das – und das wird aus dem Text deutlich – zu setzende Recht sein.
Details
| Originalsprache | Deutsch |
|---|---|
| Seiten (von - bis) | 623-637 |
| Fachzeitschrift | Zeitschrift für Internationale Strafrechtswissenschaft |
| Jahrgang | 4 |
| Ausgabenummer | 5 |
| Publikationsstatus | Veröffentlicht - 2025 |
| Peer-Review-Status | Ja |