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Gesundheitskompetenz vs. Triebsteuerung. Körper- und Sexualkunde als Knotenpunkt sozialer Polarisierung 1900-1945

Aktivität: Vortrag oder Präsentation an externen Einrichtungen/VeranstaltungenVortragBeigetragen

Personen und Einrichtungen

Datum

29 Sept. 2022

Beschreibung

Das Feld der Sexual- und Körperbildung im frühen 20. Jahrhundert ist bezüglich diverser körpersoziologischer Fragestellungen aufschlussreich, aber für den deutschsprachigen Raum noch wenig erforscht. Spätestens mit der staatlichen Anerkennung jugendlicher Sexualität zu Beginn der 1920er Jahre entfaltet sich eine biopolitische Programmatik, die u.a. auf die Befähigung der Jugend zum gesundheitsgerechten Verhalten im Sinne der ‚Volksgesundung‘ nach den verlustreichen Jahren des Ersten Weltkriegs abzielte. Diese Programmatik trug zu den Polarisierungsdynamiken in der Weimarer Republik und dem Aufstieg der Rassenhygiene bei, indem sie 1. den Aufbau individueller Gesundheitskompetenz in den Dienst der Kollektivgesundheit stellte – und somit die biologistische und ökonomistische Reduktion des Menschen verstärkte; 2. Körpernormen für eugenische Humandifferenzierungen vermittelte. Der Vortrag möchte die Verflechtungen körperkundlicher Lehrmaterialien, Fachdebatten und Didaktiken innerhalb dieses soziohistorischen Kontextes als Praxisfeld einer Befähigungskultur deuten, in der sich die Konstruktion eines vielschichtigen Gegensatzes zwischen kompetentem Gesundheitshandeln und der Unfähigkeit zur Triebkontrolle ausbildete.
Der Vorstellung von Erbgut als überindividuelles Kontinuum standen Zuschreibungen von Kompetenz gegenüber, die richtigen Entscheidungen gemäß den propagierten Hygiene-Kriterien treffen zu können und danach zu handeln: Habe ich meinen Körper genügend ertüchtigt? Ist mein Körper von ausreichender Qualität für biologische Reproduktion bzw. sexuelle Kontakte? Ist der*die anvisierte Partner*in ausreichend normgerecht? Liegen behandlungsbedürftige Krankheiten vor? Ist eine eugenische Eheberatung angebracht? Zuschreibungen von Inkompetenz lassen die normative Dimension innerhalb dieses Praxisfelds ebenso deutlich werden: Denn die Unfähigkeit zur Triebkontrolle umfasst das moralische Urteil des sexuellen Egoismus. In der Figur der ‚schwachsinnigen Prostituierten‘ kulminieren Vorstellungen von Unvermögen und modernem Individualismus – was diskursive Anschlüsse an antifeministische und -semitische Schuldkonstruktionen ermöglicht. Auch kolonial perspektivierte sexualisierte Körper fungieren als ambivalente Projektionsflächen für Können/Nichtkönnen-Konstruktionen der kollektiven, nationalimperialen Identitätsbildung, wie der Vortrag herausarbeiten wird.

Konferenz

Titel41. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
UntertitelPolarisierte Welten
KurztitelDGS 2022
Veranstaltungsnummer41
Dauer26 - 30 September 2022
Webseite
BekanntheitsgradNationale Veranstaltung
OrtUniversität Bielefeld
StadtBielefeld
LandDeutschland

Schlagworte